Interview mit Konrad Graber

Autor(en):
Herbert Mattle
2. Dezember 2011

In unserer Reihe «Persönlich» stellen wir Ihnen heute Konrad Graber vor. Er ist dipl. Wirtschaftsprüfer, Partner, Mitglied VR BDO AG und CVP-Ständerat. Das Interview führte Herbert Mattle, Präsident veb.ch

«Ich würde der Schweiz wünschen, dass sie eine gewisse Offenheit gegenüber internationalen Themen hat und sich nicht unter Druck setzen lässt.»

Herbert Mattle: Herr Graber, wie wird man Ständerat?

Konrat Graber: Grundsätzlich durch eine Wahl! Bei mir war das eine längere Entwicklung. Ich war im Einwohnerrat in Kriens, dann 20 Jahre im Kantonsparlament und dann auch noch Kantonalpräsident. Die Politik hat mich seit Beginn stark fasziniert. Auf der anderen Seite war ich beruflich aktiv und kam dadurch auch in Kontakt mit der Politik. Seitdem ich bei BDO AG arbeite, war ich auch einige Zeit zuständig für den Bereich "Öffentliche Verwaltungen und Non-Profit-Organisationen". Dies hat vermutlich den Reiz der Politik noch erhöht. Im Kanton Luzern war die grösste Hürde die Delegiertenversammlung. Wenn die CVP jemanden nominiert, bestehen gute Chancen, diesen Sitz zu gewinnen, vorausgesetzt dass dies auch eine Mehrheit der Wahlberechtigten so sieht. An der Delegiertenversammlung der CVP standen insgesamt vier Ständeratskandidaten zur Verfügung, was zu einer spannenden Ausmarchung führte. 

Sie haben eine langjährige politische Karriere innerhalb der CVP hinter sich, angefangen von der Jung-CVP.

Die JCVP politisierte damals sehr lokal, was sehr spannend war. Als eigene Partei konnten wir etwas bewegen. Wer als junge Person in eine etablierte Partei eintritt, hat in der Regel nichts oder nicht viel zu sagen. Bei der JCVP haben wir dann auch politische Erfolge erzielt und einen Sitz im Einwohnerrat erlangt. Später konnten wir sogar einen zweiten Sitz gewinnen, was auf eine Parlamentsgrösse von 30 Sitzen schon eine kleine Revolution war. Wäre ich direkt in die CVP eingetreten, wäre es für Junge vermutlich schwieriger gewesen, etwas zu bewegen.

Also spricht eigentlich alles dafür, dass die Jung-Parteien möglichst selbstständig bleiben sollten?

Ja, das ist so. Das passt natürlich manchmal der grossen Partei nicht. Wir haben damals als JCVP nicht von der Mutter-Partei CVP, sondern von der Schwester-Partei gesprochen. Wir bildeten zusammen mit der CVP eine Fraktionsgemeinschaft, haben uns dort aber als JCVP zu den Geschäften separat geäussert. Oft waren wir anderer Meinung als unsere Schwester-Partei. Heute bestehen auch Seniorengruppen, die vergleichbar sind. Gerade gestern war ich an einer solchen Veranstaltung von CVP 60plus. Die Anwesenden zeigten sich sehr interessiert. Das Alter gibt eine gewisse Gelassenheit und Ruhe. Trotzdem ist ein grosses Interesse punkto Politik feststellbar. Ich schätze solche Anlässe, weil die Leute alles Gesagte wie ein Schwamm aufsaugen, aber sich trotzdem eine eigene Meinung bilden.

Wie gross ist Ihr Zeitaufwand für Politik?

Ich sage immer 60% der Arbeitstage, 50% der Abende und 50% der Wochenenden. Wenn man dies in Stunden zusammen rechnet, kommt man allerdings schnell einmal auf 40 Stunden pro Woche. Stundenmässig umgerechnet ergibt das bald einmal 70%-80%. Zum Teil ergeben sich aber auch Überlappungen mit der beruflichen Aktivität.

Und wie gross ist die „Rendite“? Was kann man gestalten, was kann man beeinflussen, wie kann man sich selbst einbringen?

Bevor ich das Amt antrat, habe ich mit meinem Vorgänger (Ständerat Franz Wicki) gesprochen. Dieser war ganz überrascht über meine ähnlich lautende ((FRAGE: Ähnlich wie was?)) Frage und sagt überzeugt: „Man sitzt am Nabel der Welt!" Und dies trifft zu. Bei den Entscheiden, die die Schweiz betreffen oder in der Schweiz getroffen werden, sind wir als Mitglieder des Ständerates bereits sehr frühzeitig informiert bzw. involviert. Wenn wir beispielsweise an die Massnahmen zur Schwächung des Schweizer Franken denken, darf ich feststellen, dass wir die letzte Woche eine Aussprache mit dem zuständigen Bundesrat Schneider-Ammann und dem Vize-Präsidenten der Nationalbank hatten. Da vernimmt man frühzeitig ein oder zwei Punkte mehr, als das, was in den Medien steht.

Sie wirken frisch und dynamisch, trotz langjähriger Parteiarbeit. Ist das eine Frage der inneren Einstellung oder auch der Organisation?KG:

Es ist eine Kombination davon. Erstens muss es Freude bereiten. Selbstverständlich gehört eine gute Organisation dazu. Insgesamt ist ein grosses Engagement gefordert und man will seine Aufgabe auch richtig machen. Unter dem Mandat leidet die Spontanität. Viele Termine für Kommissionssitzungen werden vorgegeben, und in der Regel müssen wir den ganzen Tag reservieren. Wenn es dann vorkommt, dass eine Sitzung etwas kürzer ist, ist dies dann eine positive Überraschung. Aber die Fremdbestimmung ist relativ gross. Als Kantonsrat konnte ich noch Einfluss auf die Sitzungstermine nehmen. Im Ständerat geht das nun natürlich nicht mehr. Aber noch einschränkender ist es für ein Mitglied des Bundesrates. Manchmal kriegt man den Eindruck, dass unsere Bundesräte "herumgeschupft" werden. 

Sie sind in verschiedenen Kommissionen, u.a. in der Rehabilitierungs-, der Begnadigungskommission. Was macht man dort?

Also das sind nicht wahnsinnig gewichtige Kommissionen. Das sind Pflicht-Kommissionen. Das kann zwischendurch aber auch sehr spannend sein. Wir hatten dieses und letztes Jahr keine Sitzung. Aber in der Anfangsphase behandelten wir in der Rehabilitierungkommission noch Ereignisse aus dem 2. Weltkrieg, aus der Holocaust-Geschichte. Die Schweiz hatte sich verpflichtet, diese Fälle nochmals anzuschauen. Wir haben uns dort mit Gerichtsfällen beschäftigt, wo beispielsweise ein Schweizer seinen Pass einem Flüchtling für den Grenzübertritt zur Verfügung gestellt hatte. Weil diese Flüchtlinge an der Grenze erwischt wurden, wurde der Eigentümer des Passes beispielsweise mit einer Geldbusse von 40 Franken bestraft. Wir beschäftigten uns mit Gerichtsurteilen in der damaligen Amtssprache und dem damaligen Schriftbild der Schreibmaschinen. Das war eine ganz andere Zeit, sehr eindrücklich. Die betroffenen Personen waren zwar verstorben, aber ihre Verwandten wollten, dass diese Personen rehabilitiert werden. Daraus wurde ersichtlich, dass unter solchen Urteilen zum Teil ganze Familien gelitten haben.

Und was tun Sie in der Geschäftsprüfungskommission (GPK)?

Die GPK hat die Oberaufsicht über die ganze Bundesverwaltung. Die GPK kann in alles Einblick nehmen. Wenn also irgendein Thema nicht in Ordnung ist, ein Missstand entdeckt wird, überprüft die GPK diesen Fall vertieft. Das habe ich in der letzten Zeit nun verschiedene Male miterlebt. Dabei gelingt es in den meisten Fällen, Klarheit zu schaffen. Zwei Fälle waren besonders gross und politisch brisant: Einerseits wurden die UBS und die Finanzkrise im Nachgang im Detail aufgearbeitet. Es wurde analysiert, was alles falsch lief. Insgesamt wurden rund 40 Anhörungen durchgeführt mit dem Bundesrat, der Nationalbank, der Finma und der UBS. Das ist sehr spannend, denn man vernimmt 1:1, wie die damals Beteiligten diesen Fall aus ihrer Sicht erlebten. Der zweite grosse Fall war das ganze Thema Lybien. In diesem Zusammenhang erhielten wir ebenfalls einen vertieften Einblick und mussten leider feststellen, dass das Klima in der damaligen Zusammensetzung des Bundesrates sehr schlecht war.

Wie muss man sich die administrative Arbeitsweise vorstellen? Hatten Sie da Mitarbeiter oder einen Stab?

Jede Kommission verfügt über ein Kommissionssekretariat. Das sind gut qualifizierte Leute, meistens Juristen oder Staatsrechtler. Diese übernehmen gewisse Aufträge für die nächste Sitzung, erstellen Berichtsentwürfe usw. Zudem gibt es die Parlamentarische Verwaltungskontrolle. Diese besteht aus sieben bis acht Personen, die eine Art verlängerter Arm der GPK darstellen. Diese können dann für vertiefte Untersuchungen beigezogen werden.

Ein ganz anderes Thema, das Sie beschäftigt, ist die Post!

Es ging um das Monopol der Post und das wurde ja bis zu 20 Gramm aufrecht erhalten. Gleichzeitig unternahm die Post dann Versuche, die Post erst am Nachmittag zuzustellen. Für Städtische Kantone ist dies eher ein kleines Problem, aber von der Landbevölkerung haben wir dazu sehr viele Reaktionen erhalten. Niemand will die Post erst am Nachmittag. Deshalb habe ich mich dagegen gewehrt und hatte mit meiner Intervention auch Erfolg. Der Versuch wurde abgebrochen. Jetzt wird die Post wieder bis am Mittag zugestellt.

Ein anderes Gebiet, wo Sie nicht locker lassen, stellen die Roaming-Gebühren dar?

Dieses Thema wird jetzt in der Herbstsession behandelt. Mit meinem Vorstoss habe ich immerhin bewirkt, dass jemand mindestens eine SMS erhält, wenn er über längere Zeit Daten herunter lädt. Dies stellt allerdings keine Ursachenbekämpfung dar. Die Lösung liegt in einer vertraulichen Regelung zwischen den einzelnen Kommunikationsanbietern oder letztlich über einen bilateralen Vertrag. Das ist für die Schweiz keine einfache Situation. Deshalb ist es auch erforderlich, dass die Politik Druck macht. Damit spüren die Telecomunternehmen bei Verhandlungen Druck im Nacken und gelangen damit eher zu einer Lösung.

Diese zwei Themen zeigen, dass Sie sehr bevölkerungsnah politisieren. Ist das Ihr Credo?

Es ist kein Zufall. Ich will kein Ein-Themen-Politiker sein. Mir gefällt an der Politik die Vielfalt. Wer ein politisches Amt ausübt, erhält im Nebeneffekt auch eine der besten Ausbildungen. Die Politik gibt Einblick in ganz unterschiedliche Themen. Im Luzerner Kantonsrat war ich Mitglied der Kommission, die sich mit dem Jagd-Gesetz beschäftigte. Vor der Beratung hiess es, dass sei eine Sache eines halben Tages. Schlussendlich setzten wir aber fünf ganze Tage für dieses Thema ein. Anschliessend war ich ein kleiner Jagd-Spezialist.

Zum neuen Rechnungslegungsgesetz: Glauben Sie, dass in dieser Session die Differenzen zwischen Ständerat und Nationalrat bereinigt werden können?

Ja, bei der Rechnungslegung glaube ich schon. Das ist ja auch weniger bestritten. Die grössere Diskussion gab es im Zusammenhang mit dem ganzen Corporate-Governance-Teil, der Abzocker-Initiative und dort ist natürlich die Ambition, beides gleichzeitig in Kraft zu setzen. Das verzögert die ganze Geschichte. Würde nur die Rechnungslegung behandelt, wäre das Geschäft bereits erledigt. Die Abzocker-Initiative wird wahrscheinlich erst in einem Jahr abstimmungsreif sein. Das wird bedeuten, dass die neue Rechnungslegung erst 2015/16 in Kraft gesetzt wird. Das ist zwar spät. Mit der jetzigen Rechnungslegung leben wir auf der anderen Seite nicht so schlecht. Das Problem ist damit auch nicht so dringend.

Das kommt darauf an wie man es anschaut.

Also ich finde die Vorlage zur Rechnungslegung gut, sie gibt eine gewisse Grundstruktur von Bilanz und Erfolgsrechnung. Ich bin deshalb der Meinung, dass das ganze Gesetz auf einmal in Kraft gesetzt werden soll. Nachteile von schrittweisen Inkraftsetzungen haben wir gerade jetzt vor Augen geführt erhalten: mit der vorgezogenen Anpassung der Schwellenwerte bei der eingeschränkten Revision. Inhaltlich kann ich mich mit der Erhöhung der Schwellenwerte anfreunden. Nun stellen wir aber fest, dass die Schwellenwerte für Vereine und die Konzernrechnung noch nicht erhöht wurden. Diese Anpassung erfolgt nun erst, wenn der Rest der Rechnungslegung in Kraft gesetzt wird. Dies war nicht beabsichtigt. Durch die Auftrennung wurde nicht an alles gedacht. Dies setzt nun Diskussionen ab, ob bei Vereinen und bei Konzernen andere Schwellenwerte zur Anwendung gelangen als bei Aktiengesellschaften. 

Und was ist Ihr persönlicher Lösungsansatz bezüglich Abzockerei?

Ja gut, ich habe mich dort sehr stark für die Drei-Millionen-Grenze eingesetzt. Das heisst, die Generalversammlung kann bei über drei Millionen darüber befinden, ob das der Geschäftsleitung oder dem Verwaltungsrat als Lohn bezahlt werden soll. Die General-versammlung hat auch die Kompetenz zu sagen, dies bleibt in der Gesellschaft oder wir nehmen das als Dividende. Das sind eigentlich die drei Varianten. Heute ist diese Möglichkeit nicht mehr gegeben. Wir waren im Ständerat der Auffassung, dass ab drei Millionen irgendwie kein Zusammenhang mehr zwischen Geld und Leistung besteht. Ich erinnere daran, dass die sieben Bundesräte zusammen eine Lohnsumme von rund drei Millionen aufweisen. Der Betrag von drei Millionen ist relativ hoch angesetzt. Wir taten dies bewusst, ab diesem Betrag soll die Generalversammlung mitentscheiden können. Ich habe viele Echos erhalten von Wirtschaftsführern, die diesen Vorschlag unterstützen.

Die Frage ist ja auch, inwiefern dies auch die Wirtschaftsführer so sehen? 

In der Kommission stellten wir fest, dass es nicht die drei Millionen sind, die stören, sondern die Tatsache, dass die Generalversammlung darüber eine Diskussion führen kann. Dies wirkt natürlich auch präventiv. Dies stellt für Leute, die eine Generalversammlung zum Teil leiten oder vorne sitzen, eine unangenehme Situation dar. Es gibt in dieser Frage aber auch andere Meinungen. Die Economiesuisse beispielsweise befindet sich auf einer anderen Schiene. Letztlich ist es aber eine Frage der Abstimmungstaktik. Man kann eine Initiative nur bekämpfen mit einem Gegenvorschlag, der auch Fleisch und Knochen hat. In einem Abstimmungskampf interessiert niemanden, wer über die VR-Honorare befindet und ob die Generalversammlung über einen Rechenschaftsbericht abstimmen muss. Die Leute wollen etwas Handfestes. Wenn der Gegenvorschlag nichts Handfestes beinhaltet, wird die Minder-Initiative Erfolg haben.

Sie haben auf Ihrer Homepage auch die Sicherung der Sozialwerke erwähnt. Was ist da zu machen?

Richtig, ich habe formuliert, dass es mir ein wichtiges Anliegen ist und zwar deshalb, weil die Sozialwerke alle irgendwo finanziell instabil sind. Wir haben in der IV-Vorlage und AHV-Vorlage zwar eine Besserung, aber in kleinen Schritten. Das Finanzierungsproblem der AHV kommt unausweichlich. Und je länger gewartet wird, desto schlimmer wird es. In der Schlussabstimmung wurde die Reform nach mehreren Jahren Arbeit abgelehnt. Das wird uns einholen. Wenn die AHV am Ende ein Politikum wird, das nicht mehr lösbar ist, dann sind die Sozialwerke in Frage gestellt. Die Ausschreitungen in den Vororten von Paris und kürzlich in London zeigen auf, was bei sozialpolitischen Verwerfungen geschieht. Letztlich geht es bei der AHV auch um einen Generationenvertrag und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Schweiz hat heute eher die Tendenz, sich auseinander zu entwickeln. Die Diskrepanz zwischen reich und arm ist grösser geworden. Es gibt mehr gesellschaftliche Konflikte, und dies wird zum Teil durch die politischen Pol-Parteien noch geschürt. Das scheint mir nicht schweizerisch. Wenn wir an unseren Werten festhalten wollen, müssen wir dafür Sorge tragen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt erhalten bleibt. Der Umwandlungssatz zeigt dies plakativ. Für unsere Generation stellt der Erfolgsentscheid wohl kaum ein Problem dar. Die jüngere Generation wird dafür aber einmal die Zeche bezahlen. Das sind alles Fragen, die letztlich die Schweiz stark tangieren.

Und einen gesunden Finanzhaushalt, wie schafft man den?

Also, ich denke da haben wir in der letzten Zeit keine schlechte Politik gehabt. Schuldenbremse, das war das grosse Thema. Wenn wir jetzt das Konjunkturprogramm vor zwei Jahren beurteilen, so stellen wir fest, dass es insgesamt weniger als zwei Milliarden gekostet hat. Andere Staaten haben das Zehnfache investiert. Wir haben uns nicht einmal verschuldet. Wir haben die Krise mit einer Schuldenreduktion durchgestanden. Das ist eine Leistung. Alle anderen Länder haben Schulden in Kauf genommen. Vermutlich haben wir auch von einigen Konjunkturprogrammen der EU profitiert. Wenn es beispielsweise Deutschland gut geht, geht es dank Exportmöglichkeiten auch der Schweiz gut. Ich denke, die Schuldenbremse war eine ganz gute Erfindung. Sie wird jetzt zum Teil auch kopiert von anderen Ländern.

Kommen wir noch zum persönlichen Teil. Ihr Werdegang, beruflich?

Also beruflich habe ich die Handelsschule in Luzern gemacht und bin danach bei der damaligen Fides (heute KPMG) im Bereich internationale Gesellschaften eingetreten mit dem Berufsziel "Wirtschaftsprüfer". Ich war dann zwei Jahre im Revisionsbereich bei KPMG in Genf tätig. Eigentlich wollte ich länger dort bleiben. Ich wurde dann aber vom neuen Sitzleiter Luzern zurück berufen. Gleichzeitig kam ich damals auch in den Einwohnerrat. Ich war dann lange in der Wirtschaftsprüfung tätig, ein halbes Jahr davon auch für KPMG in Melbourne, Australien. Schliesslich wurde ich Partner und auch Ausbildungsverantwortlicher der KPMG. Vom Kanton Bern wurde ich dann im Auftragsverhältnis zum Grossratsrevisor gewählt. Dieses Mandat war eine Art Entscheidung, im Bereich der öffentlichen Verwaltung tätig zu werden. Da KPMG den Bereich der öffentlichen Verwaltungen nicht als strategische Stossrichtung kannte, wechselte ich zu BDO AG. Dort erhielt ich die Möglichkeit, den Bereich Öffentliche Verwaltung und Non-Profit-Organisationen zu leiten. Später wurde mein Aufgabengebiet ergänzt mit Unternehmensberatung und Informatik. Darauf wurde ich auch Mitglied der Geschäftsleitung. Im Zusammenhang mit der Wahl in den Ständerat haben wir vereinbart, dass ich nun „nur noch“ im Verwaltungsrat mitwirke. 

Warum wollten Sie Wirtschaftsprüfer werden?

Weshalb? Da gibt es einige Gründe. Einerseits, weil ich selber erlebte, damals in der Fides-Zeit, wie die Revisoren die von mir erstellten Buchhaltungen prüften. Ich arbeitete zwanzig Tage. Die Revisoren beurteilten in einem Tag, ob alles ok ist. Dabei konzentrierten sie sich auf Abschlussbuchungen. Dazu kommt, dass es spannend ist, in viele Betriebe hineinzusehen. Dies war auch von der Ausbildung her eine sehr lehrreiche Zeit. Ich habe viele Branchen und etwa 500 Gesellschaften von innen gesehen. Auf der anderen Seite ist es auch von der Arbeitssystematik her interessant. Das hilft mir auch beim Mandat der Geschäftsprüfungskommission, wo es ja auch um eine Art Prüfung geht. Die Vielfalt und die Wirtschaftsnähe sind auch Punkte, die mich faszinierten. Man kommt in eine Gesellschaft, wo eine Buchhaltungsabteilung das ganz Jahr arbeitet und man kann sich mit den Rosinen auseinander setzen.

Wie hat sich die Berufsbildung verändert?

Ja das hat sich stark verändert, aus meiner Sicht allerdings nicht ins Positive. Leider ist heute alles viel zu stark reguliert und die Vielfalt wird eingeschränkt. In Gesellschaften wie BDO AG und andere Treuhandgesellschaften besteht die Vielfalt zum Glück noch.

Als Ständerat, Verwaltungsrat bei Emmi und BDO AG ... haben Sie noch Freizeit?

Jaja, die habe ich schon, aber auch die Freizeit will geplant sein. 

Auf der Homepage entdeckt man auch Ihre sportliche Seite: OL, Ski-Marathon, Skating. 

Ja das macht wirklich Spass, aber es ist auch anspruchsvoll. Beispielsweise letzten Sonntag, da war ich an einem Orientierungslauf im Muotathal. Die Anmeldung erfolgt einen Monat vorher. Und dann kommt dieser Sonntag, plötzlich realisiert man den langen Anfahrtsweg kumuliert mit einer Stunde Marsch und dann nochmals einer halben Stunde an den Start. Die Laufzeit beträgt zwei Stunden und die Rückkehr braucht dann auch nochmals seine Zeit. Aber am Abend stelle ich jeweils fest, dass es trotzdem gut getan hat. Selbstverständlich ist dann meistens noch Arbeit angesagt. Diese wird vielleicht manchmal auch etwas speditiver erledigt, wenn der Kopf "durchlüftet" ist.

Wie sind Sie zu OL gekommen?

Durch meine Frau. Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen OL-Sport zu betreiben. Ich hatte vom Militär schlechte Erfahrungen. Bei meinem ersten Probe-OL im Sörenberg (Kt. Luzern) bin ich mit normalen Sportschuhen gelaufen und habe mich geärgert, dass alle anderen mit ihren Nagelschuhen den Weg schneller laufen konnten. Als ich nach dem OL dann ebenfalls OL-Schuhe kaufte, stellte dies eine Art Durchbruch dar. Ein „Triumph“ für meine Frau.

Dann kann Ihre Frau besser die Karte lesen?

Ja, das ist so, sie liest viel besser Karten als ich. Sie liest auch die Rangliste von oben und ich muss sie von unten nach oben lesen.

Und die Familie macht alles mit? Ihre Belastungen?

Ja, meine Frau macht mit, Kinder haben wir keine. Von dort her muss ich eigentlich nur auf die Frau Rücksicht nehmen. Wir haben ähnliche Freizeitaktivitäten, und das ist sehr ideal. .

Diese Nacht besucht Sie eine Fee und Sie haben drei Wünsche für die Schweiz frei?

Ich würde der Schweiz wünschen, dass sie eine gewisse Offenheit gegenüber internationalen Themen hat und sich nicht unter Druck setzen lässt. Ein zweiter Wunsch wäre, dass wir mit dem Euro wieder irgendwo bei 1.40 landen, das heisst, dass die ganze Währungsproblematik entschärft ist. Der dritte Wunsch ist der soziale Frieden und gesellschaftliche Zusammenhang, dass wir uns nicht auseinander dividieren lassen, sondern die Ureigenschaften der Schweiz bewahren: Kompromissfähigkeit, Solidarität, dass wir für einander schauen, und zwar auf freiwilliger Basis und nicht durch staatliche Intervention.