Geschäftsberichte: Vom Datenfriedhof zum Datenspeicher

Autor(en):
Marco Passardi, Christian Dreyer
8. Dezember 2011

Die im Rechnungswesen produzierten Daten sind Bestandteil eines ERP (Enterprise Resource Planning), lassen sich aber aufgrund des heutigen Stands der Technik weder systematisch noch fehlerfrei im ERP eines Dritten, einer Datenbank oder im Verkehr mit Banken und Steuerbehörden verwenden. Ein gemeinsames Projekt des Vereins XBRL CH, der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie dem Softwareanbieter Abacus zeigt Wege zur Schliessung dieser Lücke auf.

Vom Accounting generierte Daten sind in Form von Salden und Beständen auf Konti verfügbar. Im Rahmen der Abschlusserstellung können daraus Bilanz, Erfolgs- und Geldflussrechnung erstellt werden. Der Umgang mit solchen Daten wird dann umständlich, wenn diese an Dritte (z.B. Banken im Rahmen von Kreditvereinbarungen; Steuerbehörden im Rahmen der Veranlagung oder Investoren) weitergeleitet werden müssen – nicht selten müssen die Empfänger Zahlen und Textinformationen neu editieren oder sogar abschreiben (lassen).

XBRL – ein innovativer Lösungsansatz

XBRL steht für eXtensible Business Reporting Language. Es ist eine auf dem Internet-Standard XML aufbauende Sprache, die v.a. der Finanzberichterstattung dient. Der unhandliche „Datenfriedhof“ Geschäftsbericht wird mit XBRL so in seine einzelnen Bedeutungselemente zerlegt, dass diese für eine medienbruchsfreie, schnelle, fehlerlose, automatische Weiterverarbeitung zur Verfügung stehen. Durch die Trennung der technischen Spezifikation von der Geschäftslogik kann der Standard sowohl auf technischer wie auch inhaltlicher Ebene von unterschiedlichen Anspruchsgruppen weiterentwickelt werden. XBRL ist als Open-Source Standard frei verfügbar und lässt sich an individuelle Bedürfnisse adaptieren.

Bestehende XBRL-Taxonomien

Zum heutigen Zeitpunkt existiert bereits eine entsprechende Taxonomie für die Accountingstandards IFRS, IFRS for SME (Small and Medium Entities) und US GAAP; ebenso für das deutsche Handelsgesetzbuch (HGB) und viele andere Anwendungsfälle. Im Sinne eines Pilotprojektes haben der Verein XBRL CH, die ZHAW sowie Abacus eine auf dem OR-konformen Kontenrahmen KMU aufgesetzte nationale Kodierung entwickelt und in eine öffentliche Vernehmlassung gegeben, die eine Reihe von qualifizierten Reaktionen ausgelöst hat, darunter eine Stellungnahme des veb.ch. Diese Taxonomie wurde an der letzten schweizerischen XBRL-Tagung vom 9. September 2011 in Bern in der finalen Fassung vorgestellt (nähere Informationen dazu sind unter xbrl-ch.ch/taxonomy ersichtlich). Die Taxonomie ist ein eigentliches Paket, bestehend aus einer Repräsentation des Kontenrahmens im engeren Sinne sowie einer internationalen Standards entsprechenden Global Common Data (GCD) Taxonomie, welche die Identifikation der Rechenschaft ablegenden Entität ermöglicht, unter anderem mit UID. Tagung sowie Pilotprojekt sind im Kontext einer fortschreitenden Digitalisierung des Datenflusses zwischen Behörden und Anwendern zu würdigen.

Verbreitung von XBRL

Heute sind bereits über 60% der globalen Börsenkapitalisierung von einem XBRL Obligatorium erfasst, d.h. börsenkotierte Firmen in einer Reihe von Ländern (darunter die USA, Indien und Singapur) müssen ihre Finanzberichte im XBRL-Format abliefern. Darunter fallen auch bekannte Schweizer Namen wie ABB, Credit Suisse, Novartis, Syngenta oder UBS. Da XBRL nur eine technische Spezifikation ist, auf welcher der eigentliche Anwendungsfall aufsetzt, lohnt es sich, fallweise zu unterscheiden. Nebst dem bereits erwähnten IFRS-Anwendungsfall ist auch auf die bereits laufende obligatorische Einreichung der Unternehmensabschlüsse an die britische Steuerbehörde oder an die deutschen Steuerbehörden ab 2013 hinzuweisen.

Ein offener Standard

Die Rechte an XBRL befinden sich unter Kontrolle von XBRL International Inc., einem im US Bundesstaat Delaware ansässigen Non-Profit Konsortium, das die Verbreitung des Standards zum Ziel hat. Dieses Ziel wird in Zusammenarbeit mit sogenannten Jurisdiktionen angestrebt: Dabei handelt es sich um Non-Profit Organisationen in den wichtigsten Ländern und Märkten, welche die Verbreitung und Vertiefung des Standards vor Ort zur Aufgabe haben. Die Jurisdiktionen sind Mitglied bei XBRL International und leisten einen massgeblichen Beitrag zur Finanzierung der Organisation. Mit XBRL CH existiert in der Schweiz seit 2008 eine Jurisdiktion, die eine Reihe von Informationsveranstaltungen und Konferenzen durchgeführt und im Rahmen einer breit abgestützten Arbeitsgruppe eine Taxonomie für Unternehmensabschlüsse nach Schweizer Obligationenrecht entwickelt hat. XBRL CH ist ein Verein nach ZGB und steht somit allen Interessenten offen. Seit 2011 ist XBRL CH ebenfalls aktives Mitglied bei eCH, dem Koordinationsgremium von Bund und Kantonen für eGovernment.

Wie geht es weiter?

Die gemeinsam entwickelte Taxonomie lässt sich beliebig verfeinern oder auch an ein sich änderndes Recht anpassen – die nunmehr vierjährige Debatte über das neue Schweizer Rechungslegungsrecht scheint ja in eine Art Endphase zu gehen. Spannend dürfte zudem sein, darauf aufbauend eine analoge Taxonomie für die in der Schweiz renommierten Swiss GAAP FER zu entwickeln. Es ist davon auszugehen, dass diese technische Innovation auch vor der Schweiz nicht Halt machen wird und insbesondere auch Behörden und Aufsichtsgremien eine Verbreitung prononciert forcieren können.

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